Magistrat

Der Magistrat von Drengfurt

Den nachfolgenden Vortrag hielt Ernst Poddig, geb. 1921 in Drengfurt, auf dem Treffen der Drengfurter 1997 in Behringen.


Liebe Landsleute, liebe Gäste!

Im April hat mich Alfred Bendzuck gefragt, ob ich bei unserem nächsten Treffen etwas über das Rathaus, seine damalige Besetzung - sprich Bürgermeister, Bedienstete und deren Aufgaben - sagen könnte. Als ich dann den Hörer hingelegt hatte, dachte ich: Was soll das?! Mit genauen Daten (wie Bau des Rathauses, seit wann Stadtrechte, wie war der Anfang, was gehörte damals dazu, usw., usw.) kann ich doch nicht dienen. Bleibt mir also nur ein Auffrischen, ein Erinnern, was ja auch der Sinn unserer Treffen sein soll.

von links: Hans Kahrau,
Ernst Poddig, Fritz Bahlo


Meine Schilderungen gehen auf die Zeit meiner Zugehörigkeit zur Verwaltung/Stadtkasse von April 1935 bis März 1939, meiner Einberufung zum RAD und anschließendem Wehrdienst (Marine), zurück. In diesen 4 Jahren hatte ich es mit 2 Bürgermeistern, 1 Stadtkämmerer, 3 Ordnungshütern und 7 bis 8 Mitarbeitern zu tun. Da ich versuche, auch die Zeit vor und nach mir einzubeziehen, werden es noch einige mehr, was die Zeitangabe allerdings erschwert.

Bürgermeister zur Zeit meiner Einstellung war Hermann Putrafky. Wann er genau begonnen hat, kann ich nicht sagen. Es muß aber vor 1930 gewesen sein. Damals - befreundet mit seinem Sohn Werner - war ich in den Häusern, die er mit seiner Familie in der Nordenburger und Bartener Straße bewohnt hat.

Zu seinem Vorgänger möchte ich eine Vermutung äußern. In meiner Geburtsurkunde - im Juli 1921 erstellt - lautet die Unterschrift des Standesbeamten "Groll", was evtl. besagt, daß er auch der damalige Bürgermeister war. Nachdem ich diesen Gedanken schon zu Papier gebracht hatte, folgte ein Gespräch mit seinem Sohn Hans-Ulrich. Von ihm habe ich erfahren, daß es so war wie vermutet. Sein Vater - Paul Groll, Jahrgang 1881 - hatte in Königsberg Jura studiert, sich um die ausgeschriebene Bürgermeisterstelle in Drengfurt beworben und sie erhalten. Anfangsjahr und Ende der Tätigkeit konnten wir nicht festlegen. Sein Vater hat von einem besonderen Ereignis während seiner Dienstzeit erzählt, das ich anführe, um die vermutete Zeitspanne zu erhärten:

Im Jahre 1922 war Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg in Tannenberg, dem Ort, an dem unter seiner Führung 1914 die russische Armee geschlagen wurde (Schlacht von Tannenberg - zur Erinnerung daran: Tannenbergdenkmal, 1927 geweiht, es wurde 1945 gesprengt). Bei diesem Aufenthalt in Tannenberg war von Hindenburg auch auf dem Bismarckberg in Drengfurt. Die 37. Infanterie-Division vertrieb unter seiner Führung am 8. September 1914 die Russen aus unserer Stadt - so die Inschrift auf dem Gedenkstein. Als Bürgermeister hat Groll von Hindenburg hier begrüßt. Die Familie Groll ist 1935 nach Rastenburg verzogen. Bürgermeister Groll, also der Vorgänger von Putrafky, gilt seit der Flucht als verschollen.

Der Zufall will es, daß ich von dem Gedenkstein auf dem Bismarckberg ein Foto habe. Friseurmeister Kahrau, der Geschäftsführer der Konsumfiliale Fritz Bahlo und ich gesellen sich da zu einem Erinnerungsbild.

Hermann Putrafky wurde von Günter Petry, der das Amt des Bürgermeisters bis Frühjahr 1939 bekleidete, abgelöst. Herr Petry kam aus der Gemeinde Popelken, war dort Leiter der Sparkasse und wechselte nach Angerapp zurück. Als Soldat ist er seit 1943 vermißt. (Angaben von seiner Tochter Ruth, die hier anwesend ist).

Bürgermeister Petry folgte dann Fritz Gutteck, der Amtsleiter bis 1944 war. Gutteck ist von Willkendorf aus auf die Flucht gegangen. Er wurde in Berlin noch einmal gesehen und hat dann in Halle/Saale gelebt. Emmy Schulzki und ihre Mutter haben ihn dort besucht.

Als die Stadt dann - in Anführungsstrichen - ohne Führung war, hat Hermann Putrafky wieder den Dienst übernommen, die Geschäfte bis zum Verlassen der Stadt geleitet und die Flucht mit organisiert. Anna Borschewski schrieb in einem Brief: "Hermann Putrafky und ich waren die letzten im Büro." Wie ein Kapitän gingen sie sinngemäß als letzte von Bord des sinkenden Schiffes. Es war der 24. Januar 1945. Putrafky hat mir in einem Brief vom 30. März 1950 aus Schwerin/Mecklenburg meine Zugehörigkeit zur Stadtverwaltung bestätigt. Er ist in Berlin verstorben.

Ich will nun zur Verwaltungstätigkeit und Aufgabenverteilung kommen. Wie heute eine Gemeindeverwaltung arbeitet, ist allen bekannt. Aber wie war es bei uns? Soweit ich mich erinnern kann, gab es keinen stellvertretenden Bürgermeister. Ihm zur Seite standen die Beigeordneten 1., 2., 3. usw. in der Reihenfolge. Es waren Bürger der Gemeinde, die beratend und vertretend bei Urlaub, Krankheit pp. einsprangen. Uhrmachermeister Johannes Werner war einer davon, den wir so als "Vertreter" ansahen.

Ohne Geld kann eine Stadt nicht bestehen oder überleben. Also mußte dem Bürgermeister ein "Geldeintreiber" - sprich Stadtkämmerer/Stadtkassenrendant - zur Seite stehen. Rudolf Steiner war es von 1933 bis zur Flucht/Vertreibung. Er kam vom Landratsamt aus Rastenburg. Seine Tochter Helga - hier anwesend - erinnert sich an zwei weitere Bewerber für das Amt. Es waren Schneidermeister Philipp (aus der Lindenstraße) und Lebensmittelkaufmann Mattern (Karl-Freiburger-Straße). Vorgänger von Herrn Steiner war Herr Krafzel und davor Fritz Scheffrahn, der in den Ruhestand ging und Drengfurt mit dem Ziel Kreisstadt Rastenburg verlassen hat. Es muß Herbst 1924 gewesen sein. Mein Vater hat damals sein Haus in der Lindenstraße gekauft. Rudolf Steiner ist am 30.12.1960 in Bad Schwartau verstorben.

Die Aufgabe der Stadtkämmerer, also Geld einziehen und auch ausgeben, ist jedem Bürger ein Begriff. Auch damals gab es Arme und Reiche, und es mußte schon gerechnet werden. Ich kenne aus jener Zeit beide Gruppen. Es wäre falsch, aufzuzählen, wer das Geld brachte und wer es bekam.

Nun zu anderen Aufgaben. Da ist zunächst die allgemeine Verwaltung. Ihr stand Anna Borschewski vor. Unterstützung fand sie durch Gerhard Rogowski, Olga Welz und Alfred Morzek. Weiter gehörten nach meiner Zeit zum Personal: Hildegard Streich, Rudi Hartung, Gertrud Lippke, Helmut Lippke, Werner Knoop, Gerhard Schwarz, Helga Steiner, Ilse Domnik, Ulrich Klinger (Reihenfolge muß nicht stimmen).

Anna Borschewski lebte zuletzt in Triberg/Schwarzwald. Dort hat sie ihre Schwester Herta, die ein Lebensmittelgeschäft hatte, tatkräftig unterstützt. Sie ist dort gestorben. Auf ihrem Grabstein ist die Jahreszahl 1899 und der Todestag 11. Dezember 1987 zu lesen. Gerhard Rogowski ist von den Soldaten nicht zurückgekommen. Olga Welz - mit auf der Flucht - fuhr am 26. Januar 1945 zu ihren Angehörigen nach Willkendorf. Sie ist zum Drengfurter Flüchtlingsstrom nicht mehr zurückgekommen, die Spur war verloren. Der Rest des damaligen Personals erfreut sich bester Gesundheit und ist zum Teil hier anwesend.

Der Ortspolizist Hauptwachtmeister Grünhagel - später Herr Berger - hatte den Schreibtisch auch in diesem Zimmer. Räumlich getrennt war das Amtszimmer des Bürgermeisters. Es diente auch dem Standesamt als Trauzimmer und war geschmückt mit der Stadtflagge, den Fahnen der einzelnen Ortsvereine und Verbände. Als dann das Oberhaupt der Stadt auch Ortsgruppenleiter der NSDAP war, gesellte sich die Parteifahne noch hinzu. Ein weiterer Raum im Obergeschoß neben der Stadtkasse stand u. a. auch der Partei zur Verfügung. Von hier wurden Parteiveranstaltungen - wie Führerreden, Maifeiern u. a. - mittels Rundfunk auf den Marktplatz übertragen. Zuletzt war dann hier, nach meiner Zeit, das Standesamt untergebracht.

Im unteren Teil des Rathauses hatte die Zweigstelle der Kreissparkasse Rastenburg mit einem eigenen Eingang von der Marktseite ihren Platz.

In einem weiteren eigenen Raum im Untergeschoß war das Standesamt mit seinen Registern untergebracht. Im Ruhestand als Bürgermeister war Hermann Putrafky Standesbeamter und hat mit seiner Schreibkraft Otto Neumann die Geschäfte getrennt von der Stadtverwaltung geführt. Später war der jeweilige Bürgermeister Standesbeamter, der als solcher seine Stellvertreter hatte. Auch Anna Borschewski ist als Vertreter des Standesbeamten zu nennen. Da damals alle Register gebunden geführt wurden - also nicht in Maschinenschrift erstellt - war immer eine gute Handschrift erwünscht. Helga Steiner und Alfred Morzek haben sich da verewigt.

Obwohl Gewalt und Verbrechen damals noch nicht so im Vormarsch waren, der Ortspolizist doch schon einmal einschreiten mußte, befand sich im Untergeschoß neben den Räumen der Freiwilligen Feuerwehr (Unterbringung der Feuerspritze mit Zubehör) ein kleiner, schmaler Raum mit vergittertem Fenster und einer Holzpritsche mit Strohsack. Hier fand ein "Bösewicht" für eine Nacht Zeit zum Nachdenken - man sagte auch Zeit zur Ausnüchterung. Ging die Unterbringung über eine Nacht hinaus (Weitertransport in die Kreisstadt), sorgte die Frau, die auch für die Reinigung des Rathauses zuständig war, für die Verpflegung. Es war Frau Emma Schulzki. Sie hat von 1922 bis zum Verlassen der Stadt im Januar 1945 (Flucht) viele Amtsträger und Mitarbeiter kommen und gehen sehen. Sie ist am 12. April 1986 in Erfurt verstorben (Angaben von der Tochter Emmy). Wurde dieser doch so selten benutzte Raum nicht beansprucht, fand das Dienstfahrrad dort seinen Abstellplatz.

So, nun kommt der Wächter für die Nacht. Er machte des Nachts seine Runden durch die Straßen, nicht um die Stadt vor Dieben und Verbrechern zu schützen. Seine Aufgabe war mehr die Beobachtung, das Ein- und Ausschalten der Straßenbeleuchtung, in Gaststätten die Einhaltung der Sperrstunden zu kontrollieren. Aber auch dem Aufflackern eines Feuers galt seine Aufmerksamkeit - Informieren der Feuerwehr und der Bevölkerung. Nach dem nachgeholten Schlaf stand er dann für Botengänge, Geldeinzug und als Ausrufer für Nachrichten mit der Glocke in der Hand bereit. Arbeiten auf dem Friedhof, wie Ausheben der Gräber oder Beaufsichtigung eingesetzter Hilfskräfte (Unterstützungsempfänger) gehörten zu seinem Aufgabenbereich. So klein unser Städtchen auch war, aber für unsere damaligen Verhältnisse gab es auch bei uns schon ein "Nachtleben". Ob unsere guten Nachtwächter Ernst Schulzki (von 1922 bis zu seinem Tod im Oktober 1932), seine Nachfolger August Hopp und Krutzki auch ein Lied davon singen können?? Ich glaube es!


Wie wir unser Rathaus kennen, steht es in der Mitte der Stadt, umgeben vom Markt, der immer diese Bezeichnung hatte. Die Apotheke und zwei weitere Privatgrundstücke schlossen sich an. Vom Markt verzweigten sich die Straßen mit Bezeichnungen und Nebenwege, die auch Gassen genannt wurden.

Ein Auszug aus dem damaligen Telefonbuch - Anschlüsse gab es schon 1930 - läßt Straßennamen und Hausnummern für Lindenstraße 1 - 13, Kirchstraße 14 - 17, Markt 18 - 22 und Tressstraße 23 und 24 erkennen.

In den dreißiger Jahren hat die Verwaltung eine neue Straßenbenennung durchgeführt, und die Hausnumerierung erfolgte fortlaufend, nicht straßenweise. Sie begann mit der Nr. 1 in der Blumenstraße und endete mit der Nr. 171 in der Bartener Straße. Die Vorstadt hatte weder Straßennamen noch Hausnummern.

Die 4 eben genannten Straßen sind aus der fortlaufenden Numerierung herausgenommen. Sie haben aber immer Namen und Nummern beibehalten und sind postalisch auch immer so gebraucht worden. Es gab also die Nr. 1 - 24 zweimal. Die Nr. 105 - 128 erschienen nicht. Ich sehe noch heute die nicht genutzten Nummernschilder auf dem Dachboden des Rathauses liegen.


Liebe Freunde, ich möchte bei dieser Gelegenheit kurz abweichen und einen Gedanken aufnehmen, der bei einem unserer Treffen von Alfred Bendzuck aufgeworfen wurde. Es ging um die Erstellung eines Straßen-, Häuser- und Einwohnernamensverzeichnisses. Alfred Morzek und ich versprachen, damit zu beginnen. Warum ich alleine auf der Strecke blieb, kann ich, wenn gewünscht, erklären.

Nur gestützt auf meine Erinnerung - aus dem monatlich einmaligen Begehen jedes Hauses (beim Ablesen der Stromzähler) - und mit einem Blatt aus dem damaligen Telefonverzeichnis als Hilfsmittel, begann ich Listen zu fertigen und zu verschicken, die von vielen, auch hier anwesenden Drengfurtern tatkräftig berichtigt und ergänzt wurden. Selbst die Hausnummern haben wir zusammengetragen. Listen, die nicht als endgültig anzusehen sind, können eingesehen, ergänzt und berichtigt werden. Da, wie gesagt, alles nur aus dem Gedächtnis erstellt werden konnte, gibt es keine Behauptung für 100 % Richtigkeit.

Auch von der Vorstadt habe ich mit Hilfe damaliger Bewohner einen Häuserplan mit Namen der Einwohner erstellt. Dieser kann ebenfalls eingesehen, berichtigt und ergänzt werden. Vielleicht kann mit dem gedanklichen Rückversetzen auch jemandem eine Freude gemacht werden, wenn auch nur auf dem Papier.

So, meine lieben Landsleute und Freunde, abschließend und verglichen mit der damaligen und heutigen Zeit, den damaligen und heutigen Verhältnissen kann man doch wohl sagen, daß unsere kleine Verwaltung mit allem gut fertiggeworden ist. Sie wäre heute bestimmt auch weiter, wäre alles normal verlaufen.

Zu diesem Bericht haben beigetragen:
Ruth Petry - jetzt Frau Mertins
Helga Steiner - verehelichte Meiszies
Emmy Schulzki - verwitwete Bärwolff
und Hans-Ulrich Groll
Sie haben sich mit erinnert, mir Daten bestätigt oder zur Verfügung gestellt. Danke!

Das war der Rückblick - so war's im Rathaus. Wie ist es heute?

Viele von uns haben die Stadt, unser Rathaus in den letzten Jahren gesehen und vielleicht auch durchwandern können und manche Veränderung registriert. Die Rathausuhr - sonst weit sichtbar - gibt es nicht mehr.

Meine Frau, die aus Westfalen stammt, sollte einmal sehen, wo ich gelebt, gearbeitet und meine Jugend verbracht habe. Das war der Hauptgrund unseres Aufenthaltes im Mai 1989 in Drengfurt. Ich für meinen Teil wollte eigentlich alles so belassen, wie es in meiner Erinnerung war, zumal das elterliche Haus ja nicht mehr da ist. Wir waren mit einer Dolmetscherin auch im Rathaus. Nachdem bekannt war, daß ich dort einmal gearbeitet habe, sind wir von zwei Damen gut aufgenommen und herumgeführt worden. Das Bürgermeisterzimmer und der allgemeine Verwaltungsraum werden weiter räumlich so genutzt. Der Raum der ehemaligen Stadtkasse ist farbenprächtig mit polnischem Hoheitsadler - in Wappenform - geschmückt und dient auch als Trauzimmer.

Das war nun auch noch mein Eindruck aus der neueren Zeit und ein Einblick für die, die noch nicht da waren. Es hat mir trotz allem auch gefallen oder - da ja nicht zu ändern - gefallen müssen.

Nur gearbeitet wurde nicht in meinem Sinne. Aus den geretteten und nach Rastenburg verlagerten Standesamtsregistern wurde mir - nach telefonischer Rücksprache mit dem Archiv - aus dem Geburtsregister meine Geburtsurkunde Nr. 86, Jahrgang 1921 versprochen. Es sollte eine Ausnahme sein, weil ich zu erkennen gab, daß ich in Bochum als Standesbeamter tätig war und mich in der Beschaffung von Urkunden aus dem Ausland etwas auskannte. Trotz Bezahlung und einem Trinkgeld in die Kaffeekasse kam die Urkunde in Bochum nie an.

Das war es! Danke fürs Zuhören.